Die Finissage und die Preisträger

Von Russland bis Argentinien:


Abschluss und Auszeichnung der Künstler beim internationalen Windkunstfestival „bewegter wind 2018“ zum Thema „Wolken – clouds“ Zierenberg / Habichtswald. Am Sonntag, 2. September 2018, ist das 9. Windkunstfestival „bewegter wind“ feierlich Ende gegangen. Vor zahlreichen Gästen sowie Künstlerinnen und Künstlern zog Kuratorin Reta Reinl ein äußerst positives Fazit. Sie sagte: „Wir schätzen, dass insgesamt etwa 12.000 Besucherinnen und Besucher aus ganz Deutschland beim Windkunstfestival waren – ihnen allen wird dieses deutschlandweit einzigartige Kunst- und Naturerlebnis sicherlich noch lange in guter Erinnerung bleiben!“ Zwei Wochen lang waren vor besonderen Landschaftskulissen im Naturpark Habichtswald sowie in der Gemarkung Zierenberg Kunstobjekte, Videos und spannende Performances zu erleben – kostenfrei und jederzeit zugänglich. „64 Künstlerinnen und Künstler aus 21 Ländern haben teilgenommen und sich aus den verschiedensten Perspektiven dem Leitthema ‚Wolken – Clouds‘ gewidmet“, berichtet Reta Reinl. „Diese künstlerische Dichte war immens!“


So zeigte die Künstlerin Constanze Schüttoff begehbare, gestrandete Datenwolken, Alwie Arninkhoff ließ Cumulus-Wolken auftürmen und die türkischen Künstlerinnen Hazal Cinar und Begüm Tekay zogen mit ihren Wolken zum Anknipsen die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. Ebenso beliebt waren die Wortwolken von Gerhard Raab sowie die Social Cloud an den Helfensteinen, die der Künstler Ralf Witthaus mit zahlreichen Freiwilligen aus der Region als Rasenmäherzeichnung erstelle. Weiterhin machte Judith Mann mit ihrer Nebel-Aue eine Wolke spür- und erlebbar und Jürgen Heinz zeigte in „Moving Clouds“ den immerwährenden, faszinierenden Tanz der Wolken. Kuratorin Reta Reinl betont: „Nicht nur die beispielhaft genannten, sondern alle teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler haben mit ihren Arbeiten zu einem rundum gelungenen Event beigetragen. Auch ihre starke Präsenz vor Ort zeichnet unser Windkunstfestival aus: Viele Besucher haben die Gelegenheit genutzt, beispielsweise während der Aufbauwoche mit den internationalen Künstlern ins Gespräch zu kommen – und so Kunst hautnah zu erleben.“

Ausgezeichnete Wolkenkunst!

Bei der Preisverleihung der herausragendsten Exponate sorgte die Jury für eine Überraschung: Statt des geplanten zweiten und dritten Preises wurde – ohne Abstufung – ein geteilter zweiter Platz vergeben. Hinzu kam ein Sonderpreis für eine außergewöhnlich beeindruckende Performance.

1 Preis: „The suspension bridge in the cloud“ von Aleksei Dmitriev (Russland)

Eine Holzskulptur, fragil und faszinierend: Der Künstler Aleksei Dmitriev hat im Naturschutzgebiet Dörnberg Äste und Zweige gesammelt und daraus eine Skulptur erstellt. Ihre Form wirkt wie in die Landschaft hineingegossen – und bietet dem Betrachter aus jeder Perspektive und aus den unterschiedlichsten Fern- und Nahdistanzen eine stets neue Anmutung. Die Inspirationsquelle des russischen Künstlers liegt in seiner Kindheit: Eine Erinnerung an Elektromasten und Drähte, deren Spitzen in einer tiefstehenden Nebeldecke verschwinden. Dies lässt an Walter Benjamins räumlich-kartografischen Erinnerungsbegriff denken. „Wer einmal den Fächer der Erinnerung aufzuklappen begonnen hat,  stößt in den Falten auf längst Vergessenes", schreibt der Deutsche Philosoph. Wie es Benjamin als Sammler der alltäglichen Dinge und Geschichten in seiner Figur des Flaneurs beschreibt, so findet auch Dmitriev Reste und Spuren der vom Wind, von Tieren oder Menschen abgebrochenen Äste. Aus diesem Material entwirft er eine offene und sich nie abschließende Skulptur in die Geographie der Landschaft. Die Falten seiner Kindheitserinnerungen, der Landschaft sowie der räumlichen Skulptur verschränken sich hierbei.

2 Preis, geteilt: „2202m“ Video von Irena Paskali (Mazedonien)

Im Spannungsfeld von Freiheit und Begrenzung bewegt sich die Arbeit der Künstlerin Irena Paskali: Sie beschäftigt sich in ihrer Video-Doppelprojektion mit der politischen Frage der globalen Migration – und zeigt eine filmische Bestandsaufnahme der EU-Grenzsituation ihres Heimatlandes Mazedonien. Die Wolke ist ein Symbol der Freiheit und Grenzenlosigkeit: Mit schwebender Leichtigkeit überwindet sie alle von Menschen errichteten Grenzen, während flüchtende Menschen jäh aufgehalten werden. Auch die Bedeutung der Wolke – cloud – als Wissensspeicher spielt eine Rolle: Das Sammeln von Daten zu Migrationsbewegungen dient dem politischen Ziel, diese so weit wie möglich einzuschränken. Mit eindrucksvollen und berührenden Landschafts- und Tonaufnahmen vermittelt die Videoarbeit von Irena Paskali die Bedrohlichkeit und Fiktionalität einer Grenzsituation im Jahr 2017/18.
Videolink: https://vimeo.com/273308251

2 2. Preis, geteilt: „…Wolken über…“ von Heinz Schmid (Schweiz)

Was macht das Wolken-Gucken so faszinierend? Ein Grund ist wohl die ständige Veränderung der Himmelsgebilde, durch die viel Raum für Fantasie und Illusion entsteht. Und genauso, wie sich Wolken in Korrespondenz mit Wind und landschaftlicher Kulisse beständig verändern, wirkt auch das Objekt-Ensemble des schweizerischen Künstlers Heinz Schmid in höchstem Maße dynamisch und faszinierend. Seine auf außergewöhnliche Weise in die Landschaft installierten Wolken-Objekte zeigen sich dem Betrachter aus stets neuen Perspektiven. Wie auch Wolken erst durch Lichtstreuung sichtbar werden, erscheinen die leichten Metallobjekte durch die Bewegung der Betrachter in stets verändertem Verhältnis von Objekten und umgebender Geographie. Ganz der phänomenologischen Beschreibung des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty folgend, erscheint die Räumlichkeit des Ensembles und der Natur erst in der Bewegung der Besucher in wechselnder Beziehung zueinander. So löst Schmid die naturalistische Formgebung des Ensembles als Wolken zu Gunsten komplexer Natur- und Kunstwahrnehmung auf - eine Zielsetzung, die Schmid schon im Titel seiner Arbeit "...Wolken über…" andeutet.

Sonderpreis “NAGUAL – Moved by the wind”, Performance von Adriano Cangemi (Argentinien)

Für seine beeindruckende Performance am Sonntag, 26. August, verleiht die Jury einen Sonderpreis an Adriano Cangemi. In seiner etwa 25-minütigen Aufführung am Katzenstein verband er auf kongeniale Weise Elemente der Akrobatik mit erzählerisch-performativen Aspekten. Der professionelle Akrobat und „Artist“ im besten Sinne nutzte seine körperliche Kunstfertigkeit, um die Verletzlichkeit der Verbindung von Mensch und Natur greifbar zu machen. Der spektakuläre Aufführungsort am Rande des Hügels – mit einem weiten Blick ins Tal und auf Habichtswald-Dörnberg – hat die Live-Performance zu einem eindrucksvollen Erlebnis für die zahlreichen Besucherinnen und Besucher gemacht. Nicht zuletzt war es die Begeisterung und Bewegtheit des Publikums, die die Jury dazu bewogen hat, diesen Sonderpreis auszuloben.

Exzellente Arbeiten, begeisterte Jury

Die diesjährige Jury setzte sich zusammen aus Monique Behr (Kunsthistorikerin, Kuratorin des Museums für Kommunikation in Frankfurt), Achim Lengerer (Berliner Künstler und Performer – in Kassel bekannt durch seine Arbeit für die documenta 14: “different time, different place, different pitch“) sowie Joachim Römer (Künstler, Flaschenpostsammler und Preisträger des „bewegten winds 2010“).
Im Hinblick auf alle ausgestellten Exponate äußerte sich die Fachjury lobend über die sorgfältige und variantenreiche Platzierung der einzelnen Arbeiten an den Ausstellungsorten Naturpark Habichtswald, rund um den Katzenstein in der Gemeinde Habichtswald und im Naturschutzgebiet Dörnberg entlang des Alpenpfades, den Helfensteinen und am Hohen Dörnberg. Außerdem lenkte die Jury den Blick auf die Vielfalt der verwendeten Materialien sowie auf die hohe Interdisziplinarität
Kunst entsteht gemeinsam: Dank an Förderer und Helfer Harald Kühlborn vom Landkreis Kassel lenkte bei der Preisverleihung den Blick auf die Bedeutung des Windkunstfestivals für die Region. Er sagte: „Wir freuen uns, dass die neunte Ausgabe des ‚bewegten winds‘ im Landkreis Kassel stattgefunden hat – für unsere Bürgerinnen und Bürger ebenso wie für Gäste war dies ein einzigartiges Kunst- und Naturerlebnis!“ Der Bürgermeister der Stadt Zierenberg, Stefan Denn, bemerkte: „Ob blauer Himmel am Eröffnungstag, jagende Wolken beim Performance-Tag und Naturparkfest oder Regenschauer zum Abschluss des Festivals: Die Wolken-Exponate luden dazu ein, unsere herrliche Naturlandschaft immer wieder aus neuen Perspektiven und vor neuen Hintergründen zu entdecken.“ Auch Britta Hartmann-Barth, Leiterin des Naturparkzentrums Habichtswald, blickt äußerst zufrieden auf das Windkunstfestival zurück. „Das Thema Wolken hat uns einen völlig neuen, mitunter verblüffenden Blick auf die vertraute Landschaft ermöglicht. Das Windkunstfestival hat gezeigt, dass Kunst Menschen nicht nur zum Nachdenken etwa über politische Themen anregt, sondern dass Kunst auch Menschen miteinander ins Gespräch bringt: Auf dem Weg von Kunstwerk zu Kunstwerk hat es zahlreiche positive Diskurse und Begegnungen gegeben – das hat mich sehr beeindruckt!“ Das Windkunstfestival „bewegter wind“ konnte nur dank der Unterstützung von Förderern und Partnern realisiert werden. Deshalb richtet der bewegte wind e.V. ein großes Dankeschön an den Landkreis Kassel, die Gemeinde Habichtswald, den Naturpark Habichtswald, die Stadt Zierenberg, die Kasseler Sparkasse, EAM, den Bundesverband Windenergie, die Stadtwerke Wolfhagen, art regio – SparkassenVersicherung und AGiL Außerdem betont Kuratorin Reta Reinl: „Zum Abschluss unseres gelungenen Windkunstfestivals möchten wir uns zudem bei den zahlreichen Menschen bedanken, die vor Ort tatkräftig mitgeholfen haben: Zum Beispiel Landwirte, die Ausstellungsflächen zur Verfügung gestellt haben, Helferinnen und Helfer während der Aufbauwochen und nicht zuletzt zahlreiche Anwohner, die Unterkünfte für die Künstlerinnen und Künstler bereitgestellt haben. Ihnen allen gebührt unser herzlicher Dank!“
Alle teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler werden hier genauer vorgestellt: http://bewegter-wind.org/index.php/de/2018/kuenstler